Ein Gespräch mit Prof. Walter Kriha

Nein, ich bin gelernter Soziologe, mit Diplom in Germanistik, Geschichte und Soziologie.
Durch meinen Studienschwerpunkt in der empirischen Soziologie bin ich über die Statistik bei der Programmierung gelandet. Als ich dann etwa in der Mitte meines Studiums zum ersten Mal den Rechnerraum betreten habe, mit diesen ganzen Terminals und Großrechnern, war das für mich ein magischer Moment. Ich habe gewusst: Da bin ich richtig aufgehoben und das ist genau das, was ich machen will.
Was mich hier positiv überrascht hat, war mit welcher Begeisterung und Aufgeschlossenheit die Studenten ans Studium gehen. Ich wünsche mir teils noch etwas mehr Offenheit in Bezug auf theoretische Konzepte, manche Studenten klammern sich zu stark ans Tun. Außerdem wäre es dringend erforderlich, dass unsere Studenten bereits im Studium ein Gespür für gesellschaftliche und politische Fragestellungen entwickeln.
Es gibt durchaus eine gewisse weltweite Informatikerkultur. Informatiker sind neugierig, aufgeschlossen, verspielt und tolerant. Weltweite Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Ländern ist die Regel. Nicht selten zeigen sie dabei eine totale Begeisterung fürs Fach, ja sie lieben und leben ihre Arbeit.
Ich finde hier liegen Image und Realität kilometerweit auseinander. Nichts könnte falscher sein, als die alte Vorstellung des „Nerds“, der den ganzen Tag hinterm PC sitzt, mit niemandem redet, und abends seine Hamburger reindrückt. In der Realität ist der Informatiker froh, wenn er mal ein paar Minuten etwas entwickeln darf. Der Rest ist Kommunikation und Organisation.
Die Fähigkeit mit anderen Leuten, die nicht Informatiker sind, zu kommunizieren. Dieses chronische Defizit birgt eine große Gefahr. Denn die Informatik ist momentan absolut gesellschaftsrelevant, sie ist teilweise gefährlich in ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Weil wir zu stark in unserer eigenen Begriffswelt leben und in unsere Technik verliebt sind, sind wir Informatiker scheinbar nicht in der Lage, diese Gefahren und Möglichkeiten nach außen zu kommunizieren, obwohl das dringend nötig wäre.
Die Wahrnehmung von Security-Problematiken ist in der Praxis ein zentrales Problem. Bevor wir in der Lage sind, Schwachstellen in einem IT-System als solche zu erkennen, müssen wir unsere Wahrnehmung anhand vieler Fallbeispiele schulen. Ist ein Sicherheits-Problem erst einmal identifiziert, kommen die technischen Lösungen beinahe von selber. Das Buch verliert sich nicht in irgendwelchen technischen Details, sondern versucht, die für die Praxis wesentlichen Zusammenhänge zu erläutern.
Das würde ich nicht so sagen, sie sind wohl eher genervte Anwender. Am meisten Interesse an der Informatik hatte noch die Jüngste. Als es aber dann beim Informatik-Unterricht in der Schule um Word und Excel ging, war sie ziemlich schnell abgestoßen, und dann war die Sache mit der Informatik für sie erledigt.
Der Informatikunterricht an den Schulen ist personell oft katastrophal besetzt. Studien haben nachgewiesen, dass die Einführung des Informatikunterrichts an den Schulen mit einem Rückgang der Frauenquote in Informatikstudiengängen einherging. So waren beim letzten Studientag nur 12 der 55 Interessenten Frauen. Da ist das Kind ja schon in den Brunnen gefallen.
Die Vielseitigkeit und Interdisziplinarität des Studiengangs Medieninformatik muss ausgebaut und kommuniziert werden. Die Freude von MI auch mit anderen Studiengängen zusammenzuarbeiten. Stichwort Wolframstraße, Cappurro – Information und Gesellschaft oder Burmester – Usability. Der geniale Vorteil, den unsere MI’ler haben, ist sie können zum Beispiel benutzerfreundliche Systeme nicht nur entwerfen, sondern auch bauen. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Auf diese Weise sind an der HdM schon sehr schöne Projektarbeiten entstanden, bei denen Studenten verschiedener Studiengänge zusammengearbeitet haben. Um diese Vielseitigkeit auch nach außen hin darzustellen, wollen wir am Ende des Semesters einen Workshop zum Thema Frauen in der Informatik veranstalten, bei dem wir mit uns insbesondere auch mit unseren MI-Frauen direkt an die Schulen wenden wollen.
Organisatorisch sind uns die Spitzenuniversitäten in Amerika weit voraus. Studenten werden ab dem ersten Semester in semesterübergreifende Forschungsarbeiten eingebunden, was große Auswirkungen auf die Motivation der Studenten und das Klima zwischen Studenten und Mitarbeitern hat. Erstrebenswert wäre außerdem ein konsequenter Campus, also das Leben und Studieren vor Ort, weil das die kreative Auseinandersetzung mit der Thematik fördern würde.
Mehr als fünf Stunden schlaf am Tag bekomme ich eigentlich nie.
Offen bleiben gegenüber anderen Denkrichtungen, aufgeschlossen sein für Neues, und nicht zu früh spezialisieren.
Professor Walter Kriha (www.kriha.org) lebt in Freiburg. Er arbeitet als Dozent im Studiengang Medieninformatik an der HdM und als Systemarchitekt und Mentor für die UBS AG in Zürich. Das Gespräch führten Matthias Schmidt und Michel Zedler.